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Das 26. Filmfestival 2012

„Kino ist Widerstand“ (Olivier Gourmet)

Ein flammendes Plädoyer für das europäische Kino hielt Stargast Olivier Gourmet bei der Preisverleihung des 26. Filmfest Braunschweig. „Das europäische Autoren-Kino ist eine Form des Widerstands“, stellte der belgische Schauspieler fest, der für seine herausragenden darstellerischen Leistungen mit der „Europa“, dem Hauptpreis des Festivals, ausgezeichnet wurde. Er betrachte den mit 10.000 Euro dotierten Preis als „Tritt in den Hintern“, an sich und seine Filme weiter die höchsten Ansprüche zu stellen. Das Filmfest widmete ihm eine Retrospektive mit neun Filmen, darunter „The Lookout“ von Michele Placido und die Vorpremiere von „Der Aufsteiger“ von Pierre Schœller. Die Laudatio hielt Filmpublizist Gerhard Midding. Den Preis stiftet der Hauptsponsor des Filmfests, die Volkswagen Financial Services AG.

Den mit 10.000 Euro dotierten Publikumspreis „Der Heinrich“ für europäische Debüt- und Zweitfilme gewann das Familiendrama „Headwinds“ (Originaltitel: Des vents contraires) mit Benoît Magimel, Audrey Tautou und Bouli Lanners. Es ist der zweite Spielfilm des französischen Regisseurs Jalil Lespert. Nach seinem ersten sehr persönlichen Film habe er bei „Headwinds“ besonderen Wert darauf gelegt, den Zuschauern Emotionen zu vermitteln. Der Publikumspreis sei daher eine besonders schöne Auszeichnung. Das Preisgeld geht zu gleichen Teilen an den Regisseur und einen Verleih, der den Film in die deutschen Kinos bringt.

Selten hatte die „Heinrich“-Reihe so viele Gäste präsentieren können. Der italienische Regisseur Ruggero Dipaola präsentierte „Apartment in Athens“ gemeinsam mit Hauptdarsteller Richard Sammel, die iranisch-britische Regisseurin Tina Gharavi stellte ihr Debüt „I am Nasrine“ mit ihrem Produzenten James Richard Baillie vor, Regisseur Roberto Pérez Toledo zeigte „Six Points about Emma“, Schauspieler Stefano Cassetti aus Frankreich begleitete „Beast Paradies“, Regisseur Zdenek Jirasky aus Tschechien kam mit „Flower Buds“, die Schauspieler Stephanie Stremler und Michael Kind begleiteten Regisseurin Hanna Doose und ihr Produzent David Keitsch zur Vorstellung von „Staub auf unseren Herzen“. Außerdem war der dänische Film „Teddy Bear“ von Mads Matthiesen im Wettbewerb.

Der mit 2.000 Euro dotierten Kurzfilm-Musikpreis „Der Leo“ ging an Regisseurin Deborah Phillips und die Komponistin Ruth Wiesenfeld für „Pfffhp tt!“. Deborah Phillips verarbeitet in ihrer fünfminütigen Collage und Montage eine Erfahrung die sie „am eigenen Leib“ gemacht hat - einen Fahrradunfall mit daran anschließenden langwierigen Reha-Maßnahmen. Die Jury mit Regisseurin Daniela AbkeSylke Gottlebe, Geschäftsführerin der AG Kurzfilm, Filmjournalist Jens Hinrichsen und Filmkomponist und Professor für Komposition und Musiktheorie Cornelius Schwehr lobte die „eigenwillige und eindrückliche Weise“ mit der Philips das Thema umsetzt. „Hinzu tritt die Tonspur der Komponistin Ruth Wiesenfeld, die in einer Art musique concrète Sprachfetzen und wenige markante O-Töne zu einer unabhängigen Tonspur zusammenfügt. Bild und Ton, Hören und Sehen, werden von Regisseurin und Komponistin auf betont artifizielle Weise kombiniert und ergänzen sich, ohne sich wechselseitig zu dominieren“, so die Begründung der Jury. Den "Leo" unterstützt Fritz Kola.

Die kanadische Regisseurin Nathalie Saint-Pierre konnte sich über den deutsch-französischen Jugendpreis KINEMA für „Catimini“ freuen, den das Filmfest in der Reihe „Neues Kino aus Kanada“ als Deutschlandpremiere zeigte. Sie war begeistert, dass ihr der Preis von einer jungen Jury verliehen wurde. Der KINEMA-Preis trage entscheidend dazu bei, dass die jungen Leute etwas ganz anderes zu sehen bekommen als den üblichen Hollywoodfilm, und so angeregt werden, sich mehr Gedanken über Film zu machen, so die Preisträgerin.

Ihr Film war nicht die einzige Premiere in der Reihe „Neues Kino aus Kanada“. Erstmals in Europa zu sehen, waren „Camery Shy“ von Mark Sawers, der ebenso in Braunschweig zu Gast war, wie Maxime Giroux mit der Deutschland-Premiere von „Jo for Jonathan“ (2010). Auch „Beat down“ von Deanne Foley und „Blackbird“ von Jason Buxton (beide 2012) kamen als deutsche Erstaufführungen nach Braunschweig. Die Reihe komplettierte Anne Émonds „Night #1“ (2011) und eine Retrospektive mit vier Filmen des Regisseurs Denis Villeneuve, darunter der Oscar-nominierte „Die Frau, die singt“, „Der 32. August auf Erden“ (1998), „Maelström“ (2000) und „Polytechnique“ (2009).

Im „Neuen Internationalen Kino“ kamen gleich sieben deutsche Erstaufführungen auf die Braunschweiger Leinwände. Drei davon kamen aus Italien: Drehbuchautor Renzo Lulli präsentierte die Komödie von Regisseur Roan Johnson „The First on the List“, die auf Lullis eigenen Erlebnissen in den politischen Wirren der 70er beruht. Außerdem zeigte das Filmfest „It was the son“ von Daniele Ciprì (2012) und den Polit-Thriller „Piazza Fontana: The Italian Conspiracy“ von Marco Tullio (2010) als deutsche Erstaufführungen.

Weitere Deutschland-Premieren waren die Außerseiterballade „The wild ones“ von Alejandro Fadel aus Argentinien (2012), der Thriller aus der Zeit des francistischen Spaniens „Orange Honey“ von Imanol Uribe (2012) und die Dokumentation „Far out isn't far enough - The Tomi Ungerer Story“ von Brad Bernstein (2012) über den Künstler, Anarchisten und Aktivisten Tomi Ungerer.

Aus dem fernen Grönland kam „Inuk“-Hauptdarsteller Ole Jørgensen Hammeken zusammen mit dem französischen Regisseur Mike Magidson, um ihre mit großartigen Landschaftsaufnahmen gespickte coming-of-age Story vorzustellen.

Mit einer Premiere begeisterte auch der Oscar-Preisträger Ludovic Bource: Die fast 2.000 Zuschauer des ausverkauften Filmkonzerts „The Artist“ feierten den französischen Filmkomponisten und das Staatsorchester Braunschweig bei der deutschen Erstaufführung mit zehnminütigen Standing Ovation. In einer Music Master Class erzählte Bource im Gespräch mit Cinema Musica Redakteur Stephan Eicke von der Arbeit am preisgekrönten Soundtrack.

Nicht weniger begeistert waren die Besucher des zweiten Filmkonzerts: der Berliner Komponist Stephan von Bothmer dirigierte seine Neukomposition F. W. Murnau „Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens“ im Städtischen Museum. Den Grusel-Klassiker aus dem Jahr 1922 vertonte der 50köpfige Konzertchor Braunschweig mit Unterstützung durch Fanny Rennert (Sopran), Kristoff Becker (E-Cello), Florian Goltz (Perkussion) und Komponist von Bothmer am Flügel.

Dem französischen Filmkomponisten Philippe Sarde war eine Retrospektive mit neun seiner Filme gewidmet, darunter „Das große Fressen“ von Marco Ferreri und „Die Dinge des Lebens“ von Claude Sautet. Highlight der Hommage war die deutsche Erstaufführung der dreistündigen restaurierten Fassung von Roman Polanskis „Tess“ (1979) mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle.

In der Reihe „Neue deutsche Filme“ erlebte Ilona Rothins Dokumentation „Holocaust light - gibt es nicht!“ über die israelische Künstlerin und Holocaust-Überlebende Sara Atzmon ihre Weltpremiere. Außerdem gab es ein Wiedersehen mit Regisseur Stanislaw Mucha, der seine Dokumentation „Die Pfandleiher“ zeigte. Den sehr kontroversen Diskussionen zu „Paradies: Liebe“ von Ulrich Seidl stellte sich die soeben für den Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin nominierte Margrethe Tiesel. Regisseurin Pola Beck und Drehbuchautor Burkhardt Wunderlich stellten „Am Himmel der Tag“ vor. Schauspielerin Heike Trinker begleitete Regisseur Dito Tsintsadze zu den Filmgesprächen zu „Invasion“. Regisseur David Sieveking beeindruckte mit seiner Dokumentation über seine Alzheimer kranke Mutter „Vergiss mein nicht“. Regisseur Georg Maas kam mit „Zwei Leben“ nach Braunschweig.

Zum elften Mal fand der jährliche filmkulturelle Austausch mit der niedersächsischen Partnerregion Haute Normandie statt. Regieassistent Gilles Charmant präsentierte das Psychodrama „38 Zeugen“ von Lucas Belvaux, während Kurzfilmerin Mathilde Philippon-Aginski ihre Sandanimation „Die junge Frau am See“ vorstellte.

Dem Filmemacher Florian Krautkrämer war in diesem Jahr das Porträt eines Absolventen der Filmklasse der Hochschule für bildende Künste gewidmet. Zudem zeigte das Filmfest erstmals Arbeiten der Studierenden des Instituts für Medienforschung.

Neben den Filmvorführungen und Filmkonzerten bot das Filmfest mehrere Vorträge, Panels und Präsentationen. Sylke Gottlebe stellte in ihrer Präsentation „Kurzfilm macht Schule“ die gleichnamige Initiative und die Publikation „Grundkurs Film - Die besten Kurzfilme“ von Michael Klant vor.

Filmkomponist Cornelius Schwehr erläuterte im Gespräch mit Produzent Mike Beilfuss seine Überlegungen zur Filmmusik zu Pepe Danquardts „Bittere Krischen“ und präsentierte zudem den Vortrag „Filmmusik - Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis“.

Anlässlich der Vorführung der Dokumentation „Side by Side“ von Christopher Kenneally erläuterte Prof. Uli Plank, Leiter des Instituts für Medienforschung, in seinen Vortrag „Der Film ist tot – es lebe das Kino“ den Wandel vom analogen zum digitalen Kino. Kameramann und Producer Christoph Janetzko berichtete dazu über sein erstes Projekt mit einer RED One-Kamera.

Gemeinsam mit dem MEDIA Desk Deutschland präsentierte das Filmfest das Panel „Kino der Zukunft – Zukunft des Kinos“. Fünf Experten diskutierten die Chancen und Risiken, die sich aus der Digitalisierung ergeben: Léa Germain und Konstantin Jochimsen von moviepilot, Berlin, stellten das Projekt „local cinema communites“ vor. Repräsentant der Filmverleiher war Torsten Frehse, Managing Director des Neue Visionen Filmverleihs. Prof. Dr. Elizabeth Anna Prommer war als Expertin für Publikums- und Rezeptionsforschung von der HFF „Konrad Wolf“ Potsdam eingeladen. Dr. Detlef Roßmann, Präsident der CICAE, des europäischen Verbands der Arthouse-Kinos, leitete die Diskussion, in der es u.a. darum ging, wie lokale Gemeinschaften in Zeiten von Facebook entstehen, wer das Arthouse-Publikum ist, welche Mittel zur Publikumsanalyse bereitstehen, und welches Verhältnis im Jahr 2012 zwischen physikalischen Datenträgern wie DVDs und einem Download bestehen.

Damit erwies sich die Digitalisierung als DAS Hintergrundthema des Filmfests: Bereits auf der Eröffnung mit André Erkaus Tragikomödie „Das Leben ist nichts Feiglinge“ hatte Festivalleiter Volker Kufahl die Entwicklung anschaulich vorgeführt und demonstrativ ein „DCP“ vorgestellt.

Insgesamt zählte das Filmfest an sechs Tagen fast 26.000 Besucher.

Das 27. Internationale Filmfest Braunschweig findet von 5. bis 10. November 2013 statt.

Die Laudatio für Olivier Gourmet von Gerhard Midding

Sehr geehrte Damen und Herren, cher Monsieur Gourmet,

ich danke dem Filmfest Braunschweig für die Gelegenheit, zu Ehren eines europäischen Schauspielers sprechen zu können, dessen Arbeit mich seit langer Zeit beeindruckt, fasziniert und mehr noch: tief berührt. Leider konnte ich mich bis jetzt nicht entscheiden, wie ich diese Laudatio überschreiben soll. Zur Auswahl stehen „Charakter als Lustprinzip“ und „Die Gabe der Vertraulichkeit“. Solche Unschlüssigkeit ist ja schon einmal kein gutes Zeichen, werden Sie denke. Ich bitte Sie dennoch um ein wenig Geduld. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass Ihnen am Ende keine der beiden Überschriften ganz falsch erscheinen wird.  

Im vergangenen Februar - am 24., um genau zu sein -, hatte Olivier Gourmet einen Grund enttäuscht zu sein und zwei, um Genugtuung zu empfinden. Es war der Abend, an dem die „César“, die französischen Filmpreise vergeben wurden. „L’exercice de l’État“ – es fällt mir schwer, mich mit dem deutschen Verleihtitel „Der Aufsteiger“ abzufinden -  war in zahlreichen Kategorien nominiert. Olivier Gourmet ging in der Sparte „Bester  Hauptdarsteller“ leer aus. Sein Partner Michel Blanc hingegen gewann den Preis als „Bester Nebendarsteller“. Auch die Toningenieure des Films wurden ausgezeichnet. Ihre Dankesrede war von bewundernswerter Noblesse: Sie dankten den Darstellern des Films für das große Privileg, ihre Stimmen aufnehmen zu dürfen.    

Ich weiß nicht, wie groß Olivier Gourmets Enttäuschung an diesem Abend war – ja, ob er überhaupt eine solche empfand. Er ist ein Schauspieler, der viel von seinen Charakteren offenbart, aber zugleich auch ihre Geheimnisse zu hüten weiß. Manche von ihnen tragen schwer an Kränkungen; von ihrem Darsteller nehme ich es nicht an. Ich bin mir jedoch sicher, dass ihn die Auszeichnung für seinen Leinwandpartner gefreut hat. Wie jeder gute Schauspieler ist Gourmet ein hervorragender Ensemblespieler, ein großzügiger Zusammenspieler. Und wahrscheinlich gibt es nicht viele in seinem Beruf, die das Lob der Toningenieure so sehr zu schätzen wissen wie er. Es stammt aus dem Mund von Leuten, die man gemeinhin als Handwerker ansieht. Tatsächlich sind sie oft große Künstler. Und Olivier Gourmet dürfen wir uns als Jemanden vorstellen, der Hochachtung vor dem Handwerk empfindet. Denn er weiß, dass es ohne dies keine große Kunst gibt.

Es ist nicht übertrieben, diese Haltung Demut zu nennen. Sie steht einem Schauspieler gut an. Ich bezweifle, dass Olivier Gourmet je eine Rolle für undankbar gehalten hat. Uns Zuschauer hat er es zumindest nie merken lassen. Diese Haltung hat ohne Zweifel mit seiner Herkunft zu tun. Er wurde 1963 in Belgien bei Namur geboren. Sein Vater war Viehhändler und bewirtschaftete einen Bauernhof. Die Mutter war Köchin in einem Hotel. Er habe nie erlebt, sagte er einmal, dass sie je aufhörten, zu arbeiten. Dieses Arbeitsethos‘ hat er geerbt. Die Begeisterung für die Schauspielerei entdeckte er durch Zufall: als er im letzten Moment bei einer Schulaufführung für einen Kameraden einspringen musste. Er spürte sofort, welche Lust es bereiten kann, ein Publikum zu verführen. Als er sich um einen Platz auf dem Konservatorium in Lüttich/Liège bewarb, soll sein Vater gesagt haben: „Ich hoffe, du bekommst ihn nicht.“ Wie schön, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllte. Schande macht er der Familie jedenfalls seither nicht. Er ist ein Schauspieler, der Respekt vor den eigenen Wurzeln hegt. Einer wie er ist geerdet. Seine Träume und seinen Ehrgeiz weiß er mit Nüchternheit zu verfolgen. Seine Karriere legt Zeugnis ab von  gewissenhafter Verve und emphatischer Treue. Den Brüdern Luc und Jean-Pierre Dardenne ist er seit seinen Anfängen so eng verbunden, dass er sich selbst gern den „dritten Bruder“ nennt. Alle drei haben Sie Grund, auf diese Verwandtschaft stolz zu sein.

Die Dardenne, und nicht nur sie wissen Gourmet als einen Schauspieler zu schätzen, der Verantwortung für seine Figuren übernimmt, leidenschaftlich Partei für sie ergreift. Damit macht er es seinen Regisseuren womöglich nicht immer leicht. Das muss er auch nicht. Als er mit Ursula Meier den Film „Home“ drehte, stritt er mit ihr über das Ende, das ihm falsch erschien. Es brauchte seine Zeit, bis sie ihn überzeugen konnte. Sie wird nicht nutzlos verstrichen sein, sondern dem Film geholfen haben. Seinen Beruf übt er aber nicht nur mit Handwerkerstolz aus. Gerade las ich ein Interview mit ihm in der französischen Zeitschrift „Positif“. Die Vokabel, die er am häufigsten im Bezug auf seine Arbeit benutzt, ist „plaisir“, Vergnügen. Darunter darf man sich eine durchaus unprotestantische Lust vorstellen: an der Begegnung mit seinen Charakteren und an ihrer Gestaltung. Seinen Nachnamen trägt Monsieur Gourmet also zu Recht.

Wir Zuschauer können nicht wissen, wie viel einem Schauspieler die Verleihung eines Preises tatsächlich bedeutet. Seine Arbeit folgt ihrer eigenen Logik und Hingabe, ihrem eigenen Ehrgeiz und Rhythmus. Sie hat ihre persönlichen Wegmarken, die der Öffentlichkeit meist verborgen bleiben. Wenn Olivier Gourmet jedoch heute Abend die „Europa“ verliehen wird, besitzt dies eine Legitimation, die niemand anzweifeln kann. Sie ist Ausdruck der Dankbarkeit und Ermutigung: Es wird ein – vorläufiges - Lebenswerk geehrt, das zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. Damit wird auch das Versäumnis korrigiert von jenem Abend im letzten Februar - an dem Olivier Gourmet aber im Grunde genommen ohnehin nicht verloren, sondern zweimal gewonnen hat.

An das Lob der Tonkünstler von „Der Aufsteiger“ möchte ich noch einmal anknüpfen. Denn die Stimme ist ein guter Ausgangspunkt, um die Arbeit eines Schauspielers zu würdigen. Hören Sie also genau zu, wenn Sie „Der Aufsteiger“ sehen. Als Politiker muss Bertrand Saint-Jean, so heißt seine Figur, für die Öffentlichkeit stets den richtigen Ton finden. Im Kreis seiner Mitarbeiter hingegen ist sein Ton oft barsch, schneidend. Die Figur kann cholerisch sein, aber es steckt nichts Verschlagenes in ihr. Ein Rest von Unschuld und Wärme ist vielmehr in diesem Timbre zu hören, der im Alltagsgeschäft des Regierens verloren gehen könnte. Gourmet muss viel sprechen in diesem Film. Bisweilen ist seine Stimme belegt,fast heiser. Ihr ist anzuhören, wie lang der Arbeitstag eines Ministers dauert. In ihrer Mischung aus Entschlossenheit und Brüchigkeit legt sie eine Spur aus, um diese Figur zu ergründen. Saint-Jean ist als ein Außenseiter in die französische Politik gekommen, er gehört nicht zum Serail, dem inneren Kreis der Eliteschulen und großen Familien, aus dem dort sonst Regierungsmitglieder rekrutiert werden. Ihm fehlt es noch ein wenig an dem Schliff, den das Regierungsgeschäft verlangt. Es war keine unpatriotische, sondern kluge Entscheidung des Regisseurs, die Rolle eines französischen Ministers mit einem Belgier zu besetzen.

Richten wir unser Augenmerk auf ein zweites Instrument, über das Olivier Gourmet souverän verfügt: seinen Körper. Er ist robust. In „Der Aufsteiger“ erkundet der Schauspieler  gleichsam die Physiologie der Macht. Dabei schreckt er nicht vor der Intimität vieler Momente zurück. Eingangs erwacht er erregt aus einem erotischen Traum. Später wird er sich übergeben: Als Verkehrsminister muss er an einem Unfallort Betroffenheit und Mitgefühl demonstrieren. Dass er sie nicht nur vor laufender Kamera herstellt, sondern wirklich empfindet - das offenbart uns die Heftigkeit, mit der er sich erbricht. Einmal betrinkt er sich hemmungslos und beginnt, mit nacktem Oberkörper auf einer Baustelle zu arbeiten. Ein wichtiger Telefonanruf erreicht ihn einmal, als er auf der Toilette sitzt.

Was für ein verblüffend ausdrucksstarker Körperschauspieler Gourmet ist, weiß die Filmwelt spätestens, seit er vor zehn Jahren in „Der Sohn“ (Le fils) von den Brüdern Dardenne auftrat. In ihnen hat er gleichgesinnte Regisseure gefunden, die eine Figur erst einmal aus ihrer physischen Präsenz im Raum entwickeln wollen. Er ist ein Darsteller, der sich am Konkreten inspiriert, dessen Figuren sich im Gestischen manifestieren. Unter Filmkritikern kursierte damals das geflügelte Wort, den Darstellerpreis für „Der Sohn“ habe in Cannes eigentlich sein Nacken gewonnen. Gourmets Körperspiel ist hier, um mit Alfred Hitchcock zu sprechen, reiner Suspense . Unablässig folgt die Kamera ihm anfangs in der Rückenansicht, es dauert unvorstellbar lange, bis man ihn endlich zu Gesicht bekommt. Dicke Brillengläser verschleiern jedoch den Blick seiner Augen. Der Nacken ist ein Hindernis, das sich der Kamera beharrlich in den Weg stellt. Nach dem Aufbruch dieser Blockade folgt sie feinnervig jeder seiner Gesten. Seine Hände kommen nicht zur Ruhe. Er macht ihre Geschäftigkeit kenntlich als eine Flucht, als die Verweigerung eines verbitterten Mannes – vor Jahren wurde sein Sohn getötet -, mit den Anderen in einen Dialog zu treten.

Bevor „Der Sohn“ damals in Deutschland herauskam, hatte ich Gelegenheit, Olivier Gourmet zu interviewen. Das war für mich gewiss eine eindrucksvollere Begegnung als für ihn. Er erzählte, wie er einen Schreiner aufgesucht hatte, um von ihm die Arbeitsabläufe für seine Figur zu lernen. Dabei imponierte mir nicht nur die Gründlichkeit seiner Vorbereitung. Die Worte gefielen mir, mit denen er den Schreiner für sein Vorhaben gewann: „Hören Sie, die Brüder wollen einen Film drehen, in dem ich ihren Beruf ausübe.“ Welch beneidenswertes Filmland, in dem ein Handwerker sofort weiß, von welchen Regisseuren da die Rede ist! Gourmet erklärte mir akribisch seine Herangehensweise: „In diesem Film ging es darum, nach den Spuren zu forschen, die eine Biografie im Körper hinterlässt. Und im Rücken einer Figur, in ihren verspannten Nackenmuskeln sammeln sie sich.“ Seine erste Antwort dauerte geschlagene 12 Minuten. Es ist ein seltenes Privileg, einen Schauspieler zu befragen, der sich so genau Rechenschaft ablegt über sein Metier.

Wie hingebungsvoll Gourmet seinen Körper in den Dienst eines Filmes stellt, hat er davor und danach immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Zwei Beispiele unter vielen will ich hervorheben. In „Milch der Zärtlichkeit“ von Dominique Cabrera, der hier zu Lande nur im Fernsehen lief, teilt er sich mit Yolande Moreau eine der beglückendsten erotischen Szenen die in diesem Jahrhundert gedreht wurden. Sie beide sehen nicht wie Fotomodelle aus. Das macht die Szene umso lustvoller und sinnlicher. Bei ihrem Liebesspiel erzählt jede Faser ihrer Leiber von der Freude der beiden Figuren, sich nach langer Zeit wieder zu begegnen und sich auf diese Weise neu kennenzulernen. Welche Ausdruckskraft sein Körper wiederum selbst in erzwungener Bewegungslosigkeit besitzt, konnten Sie während des Festivals in „Uneasy Rider“/ „Nationale 7“ sehen, wo seine Figur an den Rollstuhl gefesselt ist.

Ein wichtiges Instrument des Schauspielers fehlt noch: sein Gesicht. Es ist von heroischer Normalität. Das macht Olivier Gourmet zu dem, was man einen repräsentativen Schauspieler nennen könnte: Er vermag einem fast unbegrenzten Spektrum von Figuren ein Antlitz zu verleihen. Während der Retrospektive konnten Sie einen Eindruck von dieser Vielseitigkeit gewinnen. Er ist glaubwürdig als Angehöriger aller Gesellschaftsschichten. Die Liste Schauspieler, die bisher mit der „Europa“ ausgezeichnet wurden, belegt, dass das europäische und zumal das frankophone Kino über diese einzigartig großmütige Tradition verfügt, nicht zwischen Charakterdarstellern und Stars unterscheiden zu wollen. Ein europäischer Politiker muss nicht unbedingt die Züge von George Clooney in „Die Iden des März“ (für die Übersetzung: The Ides of March, frz.Titel: Les Marches du Pouvoir) tragen; wenngleich dies kein schlechter Politthriller ist und Clooney ein guter Schauspieler.

Wir wären nicht überrascht, Olivier Gourmet im Bus oder auf dem Markt zu begegnen. Denn tatsächlich repräsentiert er Unseresgleichen – selbst, wenn uns das mitunter gar nicht recht sein mag. Erinnern Sie sich nur an seine erste Zusammenarbeit mit den Brüdern Dardenne bei „La Promesse“ (Das Versprechen). Dort spielt er einen Schleuser, der illegale Einwanderer auf rücksichtslose, ja brutalste Weise  ausbeutet. Ein Mann, mit dem man gern abends ein Gläschen trinken würde, wie die Regisseure einmal sagten, und der auch ein Monstrum ist. Gourmet lässt sich rückhaltlos auf  beide Seiten ein: auf die joviale wie auf die abscheuliche. Nicht von ungefähr ist er ein begehrter und auch begnadeter Darsteller von Bösewichtern, denn er nähert sich auch der Schäbigkeit einer Figur ohne jede Herablassung. Er muss kein Urteil über sie fällen. Das kann er dem Zuschauer überlassen. Dafür bietet der Schauspieler dem Publikum die redlichste aller Voraussetzung: Er versucht erst einmal, die Figur zu verstehen. Er stellt Vertraulichkeit her, zwischen sich und der Figur, und sodann zwischen der Figur und dem Zuschauer.  

Sie müssten übrigens auch nicht überrascht sein, wenn Ihnen Olivier Gourmet einmal in einer Hotelrezeption begegnen würde. Zusammen mit seiner Frau hat er nämlich vor etlichen Jahren das Hotel übernommen, das einst seine Großeltern gegründet haben und in dem seine Mutter als Köchin arbeitete. Es liegt in seinem Heimatort in den Ardennen und heißt „Le Beau Site“. Ursprünglich haben er und seine Frau diesen Entschluss wohl wegen der Unwägbarkeit des Filmgeschäfts getroffen: zur Altersvorsorge und, um nach wie vor mit einem Bein in der Wirklichkeit zu stehen. Ich habe keinen Zweifel, dass es ein exzellent geführtes Haus ist. Aber dem Vernehmen nach kehren regelmäßig Gäste enttäuscht heim, weil sie den berühmten Hausherrn partout nicht zu Gesicht bekamen. Dafür steht er einfach zu häufig vor der Kamera. Natürlich liegt es mir fern, dem Hotel unzufriedene Gäste zu wünschen. Aber noch mehr wünsche ich uns europäischen Kinogängern, dass Olivier Gourmet noch oft Grund haben wird, nicht an der Rezeption zu stehen.  

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