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Das 27. Filmfestival 2013

Verliebt in Barbara - das 27. Internationale Filmfest Braunschweig

„Es ist ihre Neugierde, die sie in besonderer Weise auszeichnet“, lobte Margarethe von Trotta ihre Lieblingsschauspielerin und Freundin Barbara Sukowa. „Sie überrascht immer wieder. Oft, weil sie das Gegenteil von dem anbietet, was man erwarten könnte. Barbara Sukowa ist eine Lichtgestalt“, so von Trotta in ihrer sehr persönlichen Laudatio und gestand „Ich bin verliebt in Barbara“.

Barbara Sukowa nahm den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis „Die Europa“ des 27. Braunschweiger Filmfest für ihre herausragenden darstellerischen Leistungen und Verdienste um die europäische Filmkultur sichtlich gerührt entgegen und bekannte: „Ohne Margarethe von Trotta würde ich heute hier nicht stehen. Weil es sie gibt, liebe ich heute noch diesen Beruf“. Die beiden großen Damen des deutschen Films standen im Mittelpunkt der von Julia Westlake moderierten Preisverleihung des 27. Filmfestes Braunschweig im Staatstheater.

Barbara Sukowa mit der EUROPA
Volker Kufahl (Leiter filmfest), Barbara Sukowa, Margarethe von Trotta, Frank Witter (Vorstandsvorsitzender Volkswagen Financial Services)
Barbara Sukowa bei der Preisverleihung

Der britische Regisseur Dan Hartley gewann den mit 10.000 Euro dotierten Publikumspreis „Der Heinrich“ für europäische Debüt- und Zweitfilme für „Lad: A Yorkshire Story“. Den Preis nahm Schauspielerin Nancy Clarkson entgegen. „Lad: A Yorkshire Story“ ist die berührenden Geschichte des 13-jährigen Tom, der  durch die Freundschaft zu einem Park-Ranger lernt, mit dem Verlust seines Vaters umzugehen. Hartleys teils biografischer Film wurde vor der großartigen Landschaft der Yorkshire Dales aufgenommen. Die Hälfte des Preisgeldes geht an einen Verleih, der den Film in die deutschen Kinos bringt.

Beide Preise, „Die Europa“ und den Publikumspreis „Der Heinrich“,  stiftet der Hauptsponsor des Festivals, Volkswagen Financial Services.

Der "Heinrich"
Nancy Clarkson nahm den "Heinrich" für LAD: A YORKSHIRE STORY entgegen

Der mit 2.000 Euro dotierte Kurzfilm-Musikpreis „Der Leo“ ging an Regisseur Ben Cady und Sounddesigner Joe Gilder „Anomalies“. Der 12-Minüter spielt in einer minimalistischen, animierten, schwarz-weißen Welt, die von farbigen Anomalien heimgesucht wird. Die Jury mit Alexandra Gramatke, Geschäftsführerin der KurzFilmAgentur Hamburg, Komponist Oliver Heuss und Filmpublizistin Marli Feldvoß zeigte sich von der Gestaltung der Tonspur beeindruckt: „Ben Cady ist es gelungen, über ein reines Sounddesign hinauszugehen und dem Fremden mit elektronischen Klängen eine eigene Stimme zu verleihen.“ Eine lobende Erwähnung sprach die Jury zudem für „Der große Gammel“ von Susann Maria Hempel aus.

Die Jury mit Susann Maria Hempel.
Die Jury überreicht Ben Cady den LEO.
LEO-Preisträger Ben Cady und Susann Maria Hempel.

Die junge Jury des Deutsch-Französischen Jugendpreises KINEMA entschied sich für die französische Produktion „Suzanne“ von Regisseurin Katell Quillévéré. Das Drama um eine  junge Frau, die ihre Liebe ohne Kompromisse lebt, beeindruckte die sechs jungen Juroren, drei aus der Haute-Normandie und drei aus Niedersachsen: „Das authentische Spiel der Darsteller sowie die lebensnahen Aufnahmen versetzen den Zuschauer in ein scheinbares Abbild der Realität. Eine Realität, die von Härte geprägt ist, ohne dabei jemals brutal zu werden. Dabei ist der Film nie vorhersehbar und hält immer wieder unerwartete Wendungen bereit, die durch wiederkehrende musikalische Themen untermalt werden.

KINEMA Statue
Camille Grossmann und Marie Johanna Trautmann von der KINEMA-Jury mit Moderatorin Julia Westlake
Die KINEMA-Jury mit Isabelle Ebert-Quillévéré und Dr. Markus Ingenlath vom Deutsch-Französischen Jugendwerk

Mit einer Werkschau für Birgit Hein ehrte das Filmfest die Pionierin des Experimentalfilms. In vier Programmen, die Birgit Hein selbst moderierte, gab sie ein Überblick über ihr Werk, darunter auch die Welturaufführung ihrer jüngsten Arbeit „Abstrakter Film“.

Birgit Hein
Produzentin Antonia D. Carnerud
Die kroatischen Filmemacher Maša Drndić, Radislav Jovanov Gonzo und Hana Vacek

Mit zahlreichen Erstaufführungen glänzte auch das dem Filmland Kroatien gewidmete Special „Croatia goes Europe!“, das dem aktuellen Filmschaffen des jüngsten EU-Mitgliedstaates gewidmet war. Produzentin Antonia D. Carnerud präsentierte „Kotlovina“ von Regisseur Tomislav Radić, während  Drehbuchautor Zvonimir Munivrana „Children of Fall“ von Regisseur Goran Rukavina vertrat. Die junge Regisseurin Maša Drndić zeigte ihre poetische Dokumentation „The Waiting Point“. Mit ihren Kurzfilmen waren die Regisseure Radislav Jovanov Gonzo („Squared“) und Hana Vacek („Pears“) zu Gast.

Yves Monmayeur
Korknatz Aslan

In der Reihe „Neues Internationales Kino“ feierten „Zulu“ von Jérome Salle mit Oscar-Preisträger Forest Whitaker, „Tip Top“ von Serge Bozon mit der Europa-Preisträgerin Isabelle Huppert, das finnische Drama „8-Ball“ von Aku Louhimies  und die Dokumentation „Michael H. - Profession: Director“, die Regisseur Yves Montmayeur selbst vorstellte, ihre deutsche Erstaufführung.

The audience welcomed the many guests of the “Heinrich”-competition, such as actress Mia Jexen starring in “Dual” by Nejc Gazvoda (SLO/DK/HR, 2013, Media Luna New Films), actress Magdalena Rozanska of “The Girl from the Wardrobe” by Bodo Kox (PL 2013, WFDIF), director Thomas Wangsmø  of “Into the Dark” (N 2012, Star Media Entertainment), actor Fabio Zanoni of “Yam Dam” by Vivian Goffette (B 2013, Cinéastes Associés), and director Delphine Noels of “Post Partum” (B/LUX/F 2013, Frakas Productions), who all presented their films as German premieres.

Actress Nancy Clarkson accompanied the later winning “Lad: A Yorkshire Story” by Dan Hartley.  Also in competition were “The Particle” by Erdem Tepegöz (TR 2012, Kule Film), “A Hijacking” by Tobias Lindholm (DK 2012, Trust Nordisk), “The New World” by Jaap van Heusden (NL 2013, Ijswater Films) and the German-Swiss entry “Schwarzer Panther” (Black Panther) by Samuel Perriard (D/CH 2013, StickUp Filmproduktion GbR).

Mia Jexen
Magdalena Rozanska
Thomas Wangsmø
Fabio Zanoni
Delphine Noels
Sam Perriard
Bianca Krijgsman

Auch die Reihe „Neues deutsche Kino“ präsentierte zahlreiche Gäste. Heiner Lauterbach und Regisseur und Produzent Niki Müllerschön stellten ihre Gangstergeschichte „Harms“ vor. Regisseurin Anne Wild zeigte ihr Familien-Drama „Schwestern“. Regisseur Henrik Peschel und Komponist Oliver Heuss berichteten von ihrer Zusammenarbeit an „Si-O-Se Pol“. Regisseur André Schäfer zeigte mit „Deutschboden“ Moritz von Uslars Reise in den deutschen Osten. Christian Alvart stellte mit „Banklady“, der in der Region Braunschweig gedreht wurde, die Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin vor.

Niki Müllerschön und Heiner Lauterbach
Henrik Peschel, Oliver Heuss und Mike Beilfuss
Bobby Sommer und Ela Piplits
Christian Alvart
Andreas Döhler, Godehard Giese, Fabian Möhrke

Für den klangvollen Auftakt des Festivals sorgte die deutsche Erstaufführung des Filmkonzerts „Blancanieves“ vor 1.500 Zuschauern mit der Stadthalle Braunschweig. Es spielte das Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von Helmut Imig. Im Orchester Platz genommen hatte auch Komponist und Goya-Preisträger Alfonso de Vilallonga, der zwischen Piano, Ukulele und Akkordeon wechselte.

Im zweiten Filmkonzert stellte der Berliner Komponist Stephan von Bothmer seinen neuen Score Arthur von Gerlachs Stummfilm „Zur Chronik von Grieshuus“ aus dem Jahr 1925 vor. Ein achtköpfiges Ensemble des Staatsorchesters Braunschweig führte den Film als Teil der Konzertreihe „Neue Musik“ auf.

Das Filmkomponisten-Portrait in der Reihe „Musik & Film“ war dem Schweizer Niki Reiser gewidmet. Die achtteilige Werkschau reichte von seinem ersten Film „Du mich auch“ (Regie: Dani Levy, 1986) bis zu seiner neusten Produktion „Exit Marrakech“, die er für Caroline Link vertonte.

Filmkonzert BLANCANIEVES
Volker Kufahl mit Komponist Niki Reiser
Filmkonzert ZUR CHRONIK VON GRIESHUUS
Die Teilnehmer des MEDIA Meetings
Mikael Fellenius

Gemeinsam mit MEDIA Desk lud das Filmfest zum Meeting „Boost your festival!“. Mikael Fellenius, Leiter des Filmfestivals Göteborg, sprach vor 20 Festivalvertretern über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten strategischer Festivalentwicklung.

Für die hervorragende Entwicklung des Braunschweiger Filmfests erhielt der scheidende Festivalleiter Volker Kufahl Lob und Anerkennung von allen Seiten, so bei der Eröffnung u.a. von der niedersächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Dr. Gabriele Heinen-Kljajić. Kufahl wechselt nach 13 Jahren beim Braunschweiger Filmfest zur FilmLand M-V in Schwerin.

Insgesamt zählte das Filmfest an sechs Tagen erneut mehr als 25.000 Besucher.

Die Laudatio von Margarethe von Trotta auf Barbara Sukowa

 

Ich bin immer wieder so beeindruckt von ihr, wenn man diese Ausschnitte sieht, muss man das auch sein, auch wenn jetzt auch einige meiner Filme dabei waren. Aber sie ist einfach immer so großartig!

Claude Chabrol, der große französische Filmregisseur, hat einmal zu mir gesagt: „Wenn ich die richtigen Schauspieler ausgesucht habe, ist meine Arbeit getan. Danach machen sie alles ganz alleine.“ Genau das trifft auf Barbara Sukowa zu. Sobald sie zustimmt, in einem Film mitzuspielen, kann man sich eigentlich beruhigt zurücklehnen und zuschauen. Chabrol gab, das habe ich selber erlebt, als ich noch Schauspielerin war, während des Drehens nur eine einzige Regieanweisung: „Surprenez-moi!“ Überraschen Sie mich! Eine schreckliche Aufgabe, für mich damals gar nicht einzulösen. Aber Barbara schafft es, sie schafft es immer wieder.

Sie überrascht auf vielerlei Weise. Oft weil sie das Gegenteil anbietet, von dem, was man erwarten könnte. Um ihnen ein Beispiel zu nennen: In unserem Film ROSA LUXEMBURG gibt es eine Szene, in der Rosa im Gefängnis die Nachricht erhält, dass ihr junger Freund im Krieg gefallen ist. Wie spielt man diese Erschütterung? Erwartet habe ich, dass sie laut aufschreibt vor Schmerz. Aber Barbara macht genau das Gegenteil. Sie bleibt ganz ruhig sitzen, senkt nur den Kopf und versucht den aufsteigenden Schmerz ganz in sich hineinzupressen. Die Wirkung war eine ungleich stärkere. Erst in der Szene danach liegt sie dann weinend und verzweifelt im Bett, in der Nacht im Dunklen und ihre Trauer gilt jetzt nicht nur diesem einen, geliebten Menschen, sondern allen, die in diesem schrecklichen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, umgekommen sind. Erst diese verzögerte Reaktion auf einen erlittenen Schmerz erlaubt es dem Zuschauer, Mitleid zu empfinden mit der dargestellten Person, also Rosa Luxemburg, und nicht nur die Bravour des Schauspielers zu bewundern.

Und Barbara überrascht durch ihren scharfen Verstand. Das fängt schon beim Drehbuch an. Sie liest es und hat tausend Fragen und Vorschläge, wie man es verbessern könnte. Dabei achtet sie nie nur auf ihren eigenen Part, was ja viele Schauspieler tun, sondern sie beurteilt es wie ein unvoreingenommener Zuschauer, der einen Film zum ersten Mal sieht und verstehen möchte. Und sie quält mich so lange, bis sie jede Zeile und jeden Moment des Geschehens verstehen kann und akzeptiert.

Da sie alles, was ich an Literatur für den Film lese, ebenso liest, und manchmal bei ihren Recherchen etwas herausfindet, das mir entgangen ist, macht sie mich, wie zum Beispiel bei Rosa Luxemburg, auf eine Rede aufmerksam, die diese gegen den Krieg gehalten, die besser und eindringlicher ist, als die, die ich ausgesucht hatte. Oder sie meint, Hildegard von Bingen habe doch sicherlich auch etwas über Sex gesagt, so neugierig und versessen wie sie darauf war, den menschlichen Körper und seine Funktionen zu erforschen. Und tatsächlich: sie sucht danach und findet eine Stelle in Hildegards Schriften, die sogar recht komisch ist und im Film Heino Ferch zum Schmunzeln bringt. Woher kann eine Nonne das alles wissen, fragt er sich und auch der Zuschauer ist überrascht, dass eine Nonne so frei von Schamgefühl sein kann. Lena Stolze, die mit Barbara in HILDEGARD zusammen gespielt hat, sagte mir eines Abends nach einem besonders anstrengenden Drehtag: „Ich bin richtig verliebt in Barbara.“ Das könnte ich auch von mir sagen.

Allerdings war das nicht von Anfang so. Unsere erste Begegnung, entschuldige Barbara, das erzähl ich einfach jetzt, hatte ihre Tücken. Erster gemeinsamer Film war DIE BLEIERNE ZEIT, 1981 gedreht. Barbara hatte zuvor in Rainer Werner Fassbinders BERLIN: ALEXANDERPLATZ die Mietze gespielt, ein unschuldiges, naives, liebevolles Geschöpf, und nun sollte sie plötzlich Gudrun Ensslin, eine Frau spielen, die die Bundesrepublik lange Zeit in Atem gehalten hat und als böse Terroristin verschrien war. Mit Jutta Lampe, die im Film ihre Schwester spielt, hatte ich vorher einen Film gemacht, und ich wusste, dass ich mit ihr sehr vorsichtig und behutsam umgehen musste, sonst brach sie sofort in Tränen aus und wir konnten nicht weiter drehen. Dieses Prinzip der leisen, sanften Annährung wandte ich nun auch bei Barbara an und traf auf Unverständnis, Abwehr und Härte. Sie war manchmal so streitsüchtig und rechthaberisch, dass wir alle erschrocken waren. Und Jutta Lampe hat sich richtig vor ihr gefürchtet. Ich glaube zuerst, dass sie mich verachtete, und sie mir, nachdem sie mit Fassbinder gearbeitet hatte, unser aller Gott damals, nicht über den Weg traute. Und so wurden die Dreharbeiten zu einem Zweikampf - nicht nur zwischen den beiden Schwestern, sondern auch zwischen Barbara und mir. Barbara verweigerte sich, wollte nie mit uns essen gehen, schloss sich in den Drehpausen ein und wollte mit niemandem reden. Erst nach einer Weile begriff ich, Gott sei Dank nicht zu spät, dass sie diese abweisende Haltung für ihre Rolle brauchte. Sie haben sie eben gesehen im Film, Gudrun Ensslin, auch wenn sie dort einen anderen Namen hatte, aber um sie ging es ja. Und sie war noch gar nicht so lange tot. 1977 im so genannten deutschen Herbst, hatte sie sich zusammen mit einigen ihrer Genossen im Gefängnis Stuttgart Stammheim umgebracht. Viele glaubten damals nicht an Selbstmord, sondern bezichtigten den deutschen Geheimdienst, sie ermordet zu haben. Als wir den Film drehten, war dieser Verdacht noch ganz widerlegt worden. Gudrun Ensslin saß in unserer Filmgeschichte im Gefängnis in Isolationshaft. Sie konnte tagelang mit keinem Menschen reden, nur mit sich selbst. Sie konnte durch die ewige Beleuchtung in der Zelle nicht mehr erkennen, ob es Tag oder Nacht war. Barbara versuchte also nur, sich in diese ungewöhnliche Lebenssituation hineinzuversetzen. Sie konnte es sich nicht leisten, auf normale Weise freundlich zu sein, ohne die Konzentration auf ihre Abkapselung und ihre Revolte dagegen zu verlieren.

So ganz habe ich Barbara aber erst bei unserem zweiten Film, unserer zweiten Zusammenarbeit verstanden, und zwar wie intensiv und kompromisslos sie jedes Mal ihre Rolle durchlebt. Rosa Luxemburg sprach deutsch mit polnischem Akzent und sie hinkte. Barbara hatte sich den Akzent und das Hinken so sehr zu eigen gemacht, dass ich gar nicht bemerkte, dass sie auch abends und nach Drehschluss, sogar noch wochenlang nach dem Film weiterhin hinkte und mit dem Akzent sprach. Und sie behandelte mich und andere liebevoll und voller Wärme, so wie Rosa Luxemburg ihre Freunde.

In der Folgezeit ist unser Vertrauen zueinander ständig gewachsen. Mittlerweile verständigen wir uns während des Drehens durch Blicke, fast wie ein altes Ehepaar, 33 Jahre sind wir jetzt zusammen, dass die möglichen Argumente des anderen kennt und vorwegnimmt. Ich sage immer, sie ist mir so treu gewesen wie kein Mann, kein Ehemann.

Nach ROSA LUXEMBURG folgte ein Film in Italien, L’AFRICANA, mit Samy Frey und Stefania Sandrelli. Wir drehten ihn auf französisch. Barbara hatte schon zuvor Filme in Frankreich gedreht und sie hatte keine Schwierigkeiten mit der Sprache. Eine Geschichte über eine Freundschaft zweier Frauen, die sich als Au-pair-Mädchen in Paris kennen gelernt hatten und die sich entzweien, weil die Freundin eine heimliche Liebesbeziehung mit dem Mann der anderen beginnt. Und natürlich hat Samy Frey sich während des Drehens in Barbara verliebt, genau wie Daniel Olbrychski bei ROSA LUXEMBURG und Lena Stolze bei HILDEGARD. Barbara hat das vielleicht gar nicht gern, dass ich das alles hier so ausbreite.

Sie sagt mir oft, sie kann sich an das alles gar nicht so genau erinnern, und manchmal beklagt sie sich, sie vergesse so viel. Dabei ist das ja auch nur wieder eine ihrer Begabungen. Sie gibt sich ganz einer Person oder Rolle hin, um sich danach, manchmal mit Verspätung, wie im Fall von ROSA LUXEMBURG, ebenso vollkommen von ihr zu befreien. Es ist, als würde sie auf eine gewisse Weise wieder unschuldig und kann die Welt erneut mit Neugierde, Offenheit und Unvoreingenommenheit betrachten.

Unser letzter Film, den wir zusammen durchgestanden haben, ist HANNAH ARENDT. Und sicherlich hat Barbara, wie vielleicht in keiner zuvor, alles einsetzen und zeigen können, was ihren Charakter und ihre Kunst ausmacht: Strenge des Denkens, Humanität, Humor, Beharrlichkeit, den genauen Blick fürs Wesentliche. Und es kommt noch etwas hinzu, das sich selber vielleicht gar nicht zu erklären wüsste, was sich bei großen Schauspielern aber ereignen kann. Das Sich-verlassen-können auf die Kräfte ihrer Seele. Ja, es klingt altmodisch, aber es ist ihre Seele, die sich bereiterklärt, ihr beizustehen, sie an die Hand zu nehmen und sie wohlbehalten, wenn auch oft erschöpft, durch den dunklen Wald der Ungewissheiten und Widerstände ans Licht zu führen.

Barbara Sukowa ist eine Lichtgestalt, und ich bin überzeugt, nicht nur für mich, sondern für Sie alle heute Abend, die sie lieben und ehren.