Die TILDA

Von Frauen für Frauen: „Die TILDA“

Seit 2019 verleiht das Braunschweig International Film Festival den Frauenfilmpreis „Die TILDA“. Dieser ist mit 5.000 Euro dotiert, die von 60 Stifterinnen gespendet werden.  Im Wettbewerb stehen acht internationale Produktionen. 
Das Anliegen der Stifterinnen ist es filmschaffende Frauen in all ihrer Diversität sichtbar machen. Und dabei geht es um Diversität in jeder Hinsicht – sowohl was das Genre, die Art des Erzählens und die erzählten Geschichten angeht, wie auch was die Regisseurinnen selbst betrifft, denn der international ausgeschriebene Regiepreis richtet sich an Frauen jeglicher Herkunft, sexueller Orientierung, Hautfarbe etc. Ein weiteres wichtiges Ziel des Filmpreises von Frauen für Frauen ist darüber hinaus, Regisseurinnen zu ermutigen, die am Anfang ihrer Karriere stehen und deren Werke nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Die Gewinnerfilme

2021: HIVE

Regie: Blerta Basholli

Kosovo, Schweiz, Nordmazedonien, Albanien 2021, 83 min, Farbe

Wie viele Frauen im Kosovo hofft auch Fahrije auf Nachrichten über ihren Mann, der sieben Jahre nach dem Krieg immer noch vermisst wird. Von Witwen wird nicht erwartet, dass sie arbeiten, aber sie muss für ihre Familie sorgen und tut sich mit anderen Witwen zusammen, um ein Unternehmen zu gründen, das Ajvar herstellt. Und das, obwohl die Gemeinde sie schon dafür verurteilt, dass sie es wagt, Auto zu fahren! Der Film wurde von der wahren Geschichte von Fahrije Hoti inspiriert. Laura Wilson (Altitude Film): "Wir waren alle begeistert von HIVE. Es ist ein wunderschön gemachter, tief durchdachter Film, der abwechselnd wütend, unterhaltsam, bewegend und inspirierend ist.“ In Sundance hat der Film die Herzen des Publikums und der Jurys erobert!

Biografie Regie:1983 im Kosovo geboren. Regiestudium im Kosovo und in New York. Ihr Langfilmdebüt HIVE war der große Gewinner des Sundance-Filmfestivals, wo er drei wichtige Preise von Jury und Publikum gewann. Heute ist Basholli Kulturdirektorin in Pristina.

 

 

Die Begründung der Jury:

Sieben Jahre nach Kriegsende im Kosovo sind es vor allem die Witwen, die die soziale Last der Verluste tragen. Fahrije hat wie viele andere Frauen ihren Mann während des Massakers von Krusha e Madhe verloren. Viele dieser Leichname wurde nie gefunden. Um einander bei der Suche nach den Vermissten und der Trauerarbeit zu unterstützen, haben die Frauen einen Verein gegründet. Auf der Suche nach einem Weg aus der Armut beginnen sie mit der gewerblichen Herstellung von Ajvar. Damit setzen sie sich gegen die Widerstände der traditionellen patriarchalen Umgebung durch. Die hohe Sozialkontrolle verurteilt bereits das Autofahren.

Einfühlsam und intensiv begleitet der Film Fahrije und mit ihr die Frauen um sie herum auf ihrem Weg in eine wachsende Eigenständigkeit.

Diese Geschichte basiert auf tatsächlichen Ereignissen in Folge des Massakers von Krusha e Madhe, bei dem über 200 Personen getötet und drei Viertel der Häuser niedergebrannt wurden. Der Film ruft dies in Erinnerung, zeigt aber, was sich durch die Nachrichten nicht vermittelt: Nach Jahren des Wartens und Suchens nach den Vermissten müssen die Frauen Wege finden, mit dem Unabänderlichen umzugehen. Dies geschieht undramatisch, zwischen Schmerz, Resignation, Realismus, auch Humor, so dass das Politische über das Persönliche erfahrbar wird.

Mit diesem Langfilmdebüt legt die Kosovarin Blerta Basholli eine reife Arbeit vor.

- Sabine Brombach, Heike Klippel, Jakobine Motz, Anna Wollner (TILDA-Jury 2021)

2020: SLALOM

Regie: Charlène Favier.

Begründung der Jury:

„Der Debütfilm „Slalom“ der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Charlène Favier zeigt einfühlsam, vielschichtig und überzeugend die perfiden Mechanismen auf, die hinter Missbrauch stecken – hier am Beispiel eines Skitrainers und seiner 15-jährigen Schülerin.

Die Machtposition des Erfolgstrainers, der die junge Frau mit einer Mischung aus Druck, Kritik, Lob und Bevorzugung an sich bindet; die Unsicherheit der Pubertierenden, die aufgrund ihrer abwesenden Mutter und einer fehlenden Vaterfigur besonders empfänglich für männliche Anerkennung ist, was sie scheinbar Grenzüberschreitungen akzeptieren lässt; die Unterstellung einer (Mit-)Verantwortung der jungen Frau für das übergriffige Geschehen. Die fast schon märchenhaften Schneeszenen zeigen, wonach die Jugendliche sucht, doch was sie findet, sind nicht Schönheit und Harmonie der Liebe, sondern sexuelle Ausbeutung, an der sie fast zerbricht.

Als sie beim Erreichen ihres Traumes, dem Sieg im Skirennen, statt Freude nur Leere empfindet, gelingt es ihr mit dem Rückhalt ihrer Freundin und ihrer Mutter, sich von ihrem Trainer loszusagen und den Missbrauch zu beenden. Die subtile Dramaturgie, die Kameraführung mit ihrer Nähe zur Hauptfigur, die beeindruckende Schauspielleistung und die emanzipatorische Botschaft zeichnen diesen Film aus.“
 

Die Jury 2020

Heike Klippel
Professorin für Filmwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Veröffentlichungen zu Themen feministischer Filmtheorie, Gedächtnis, Zeit, Film und Alltag. Letzte Publikation: Poisons and Poisoning in Science, Fiction, and Cinema (2017), hg. mit B. Wahrig, A. Zechner.

Borjana Gaković
Medienpolitische Sprecherin des Bundesverbandes kommunale Filmarbeit e.V.

Film- und Medienwissenschaftlerin, und Redakteurin der kinopolitischen Quartalszeitschrift Kinema Kommunal. Mitglied der Auswahlkommission von DOK Leipzig 2020.

Margrit Lang
Stifterin

Lehrerin für Kunst, Film und Darstellendes Spiel. Ausbildung zur Filmlehrerin an der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Anleitung von schulischen Kurzfilm-Projekten.

Kirsi Liimatainen
Regisseurin und Schauspielerin

Arbeitete zuerst als Schauspielerin in Finnland und studierte dann Filmregie an der Filmuniversität in Potsdam. Ihr letzter Film COMRADE, WHERE ARE YOU TODAY? erhielt den „Metropolis“-Preis 2017. Zu ihren Arbeiten zählen Filme, Theater und TV-Dramen.

Dr. Wibke Westermeyer
Stifterin

Wissenschaftliche Redakteurin am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig. Mitwirkung bei Ausrichtung und Juryarbeit eines Tourismusfilmpreises.

2019: LOVEMOBIL

Regie: Elke Margarete Lehrenkraus

Die Begründung der Jury:

Ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm über Sexarbeiterinnen, die in Wohnmobilen an niedersächsischen Landstraßen arbeiten. Ein Film der leisen Töne, der sich Zeit nimmt und sehr private Einblicke in das Gefühlsleben der Protagonistinnen gewährt. Er lässt uns unmittelbar teilhaben an den Hoffnungen und Ängsten, der Einsamkeit und Verzweiflung der Frauen – eine erstaunliche Leistung, ermöglicht durch die dreijährige Drehzeit, in der sich das Filmteam mit Sensibilität und Respekt das Vertrauen der porträtierten Frauen erarbeitete. Ungewöhnlich für einen Dokumentarfilm ist, dass das Filmteam unsichtbar und vor allem unhörbar bleibt, doch dies gibt den porträtierten Frauen den Raum, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Im Zentrum des Films stehen Milena aus Bulgarien und Rita aus Nigeria sowie Uschi, die als Zuhälterin und Vermieterin fungiert. Ihre Intelligent und Würde stehen in starkem Gegensatz zum entmenschlichenden Prozess, bei dem sich die Freier die Dienste und, so scheinen es einige wahrzunehmen, auch die Frauen selbst kaufen. Der Film beeindruckt mit langen, sorgfältig gewählten Einstellungen und originellen Bildern. Gekonnt wird der beengte Raum in den Wohnmobilen mit der offenen Landschaft der Umgebung kontrastiert.

Ein mutiger und innovativer Film!

Die Jury 2019

Heike Klippel
Professorin für Filmwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Veröffentlichungen zu Themen feministischer Filmtheorie, Gedächtnis, Zeit, Film und Alltag. Letzte Publikation: Poisons and Poisoning in Science, Fiction, and Cinema (2017), hg. mit B. Wahrig, A. Zechner.

Frauke Kolbmüller
Die Leipzigerin studierte u.a. Filmproduktion (M.A). Als freie Producerin arbeitete sie u.a. mit Wüste Film. 2015 gründete sie die Oma Inge Film in Hamburg, deren dritte Produktion SYSTEMSPRENGER ist. Sie ist Mitglied der Europäischen Filmakademie.

Joanna Łapińska
Programmdirektion des Transatlantyk Festival, Mitglied der Europäischen Film Akademie. Davor arbeitete sie fast 15 Jahre für das New Horizons International Film Festival, seit 2007 als künstlerische Leiterin.

Dr. Wibke Westermeyer
Wissenschaftliche Redakteurin am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig. Mitwirkung bei Ausrichtung und Juryarbeit eines Tourismusfilmpreises.

Dr. Maxa Zoller
Künstlerische Direktorin des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln. Sie arbeitet als freie Filmkuratorin unter anderem für Art Basel und unterrichtete zuletzt Film- und Kunstgeschichte an der Amerikanischen Universität Kairo.