Falk-Martin Drescher: Das Braunschweig International Film Festival feiert in diesem Jahr seine 40. Ausgabe. Was bedeutet dieses Jubiläum aus Ihrer Sicht – für das Festival, aber auch für Braunschweig und die Region?
Maria-Rosa Berghahn: 40 Jahre sind weit mehr als ein Jubiläum. Sie sind ein Stück Kulturgeschichte dieser Stadt. Das BIFF hat sich über vier Jahrzehnte immer wieder verändert und ist sich dabei doch treu geblieben: Es schafft Raum für Filmkunst, Entdeckungen und Begegnungen. Für Braunschweig und die Region ist es ein kulturelles Aushängeschild. Für uns als Stiftung ist dabei besonders schön zu sehen, wie aus einer Idee über Jahrzehnte etwas Dauerhaftes entstehen kann.
Anthony Bandmann: Das Filmfest hat sich mittlerweile als fester Standort für internationale Filmkunst in Deutschland etabliert. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass sich auch kleinere Städte zu kulturellen Hidden Champions entwickeln können. Mittlerweile ist das Festival eine feste Institution im Kulturkalender Braunschweigs und begeistert jedes Jahr aufs Neue Menschen in der Region und im ganzen Land.
Falko Mohrs: 40 Jahre BIFF sind eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Das Festival hat sich weit über die Region hinaus einen Namen gemacht. Es eröffnet neue Perspektiven und verbindet lokale Verwurzelung mit internationalem Austausch. Für Braunschweig ist es ein schönes Beispiel dafür, dass hochwertige kulturelle Angebote ihr Publikum finden und eine Region auch ein Stück weit prägen können. Was leistet Kultur, was andere Bereiche unserer Gesellschaft nicht leisten können?
Maria-Rosa Berghahn: Kultur kann uns aus unseren gewohnten Denkmustern herausführen. Sie muss nicht sofort eine Lösung anbieten –
manchmal reicht es, eine Frage zu stellen, die uns nicht mehr loslässt. Ein Film kann uns für zwei Stunden die Perspektive eines Menschen eröffnen, dem wir im wirklichen Leben vielleicht nie begegnen würden. Diese Fähigkeit, Empathie und Vorstellungskraft zu schaffen, ist eine besondere gesellschaftliche Kraft der Kultur.
Anthony Bandmann: Für mich persönlich, eröffnet Kultur den emotionalen Zugang zu unserer Gesellschaft. Dadurch lassen sich unterschiedliche Sichtweisen häufig besser vermitteln, als über reine Fakten. Vorallem schafft sie gemeinsame Erlebnisse, die Menschen über unterschiedliche Hintergründe hinweg verbinden.
Falko Mohrs: Kultur schafft Räume, in denen wir uns mit uns selbst und der Welt um uns herum auseinandersetzen können. Sie ermöglicht Perspektivwechsel, stiftet Identität und eröffnet Zugänge zu Themen, mit denen wir sonst vielleicht kaum in Berührung kämen. Künstlerinnen und Künstler können sich und ihre Sicht auf die Welt auf eine Weise ausdrücken, wie es Anträge, Reden oder Podiumsdiskussionen nicht vermögen. Kunst kann berühren und herausfordern, eindeutig und ambivalent zugleich sein. Darin liegt eine besondere Kraft für unsere Gesellschaft.
Falk-Martin Drescher: Welche Rolle spielt Kultur bei der Ausprägung von Demokratie und demokratischem Verständnis?
Maria-Rosa Berghahn: Demokratie lebt von Menschen, die unterschiedliche Perspektiven aushalten und miteinander ins Gespräch kommen können. Genau dafür schafft Kultur Räume. Sie darf provozieren, widersprechen und auch unbequem sein. Eine lebendige Kulturlandschaft ist deshalb kein Luxus einer demokratischen Gesellschaft, sondern Teil ihrer Infrastruktur.
Falko Mohrs: Eine lebendige Demokratie ist ohne eine lebendige Kultur nicht denkbar. Kultur ist ein zentraler Ort für gesellschaftlichen Austausch, Offenheit und Vielfalt. Dabei erfüllt sie zwei Aufgaben, die nur auf den ersten Blick gegensätzlich wirken: Sie stiftet Gemeinschaft und Identität, zugleich hinterfragt sie immer wieder den Status quo. Kultur soll Debatten anstoßen, Konflikte sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen. Gerade diese Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen und gleichzeitig zum Nachdenken herauszufordern, macht sie unverzichtbar für eine freie und demokratische Gesellschaft.
Anthony Bandmann: Demokratie lebt davon, dass wir andere Positionen wahrnehmen, aushalten und miteinander diskutieren und vielleicht sogar streiten. Kultureller Austausch ist dafür elementar. Er regt dazu an, bestehende Vorstellungen zu hinterfragen, fördert Offenheit und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel.
Falk-Martin Drescher: Das BIFF bringt jedes Jahr Filmschaffende, Fachbesucher:innen und ein großes Publikum zusammen. Welche Bedeutung haben solche Orte der Begegnung heute – gerade in einer Zeit, in der vieles digital und zunehmend individualisiert stattfindet?
Falko Mohrs: Gerade weil vieles digital stattfindet, werden Orte der persönlichen Begegnung immer wichtiger. Filmfestivals haben die besondere Eigenschaft, dass sie über die Filme eine verbindende Erfahrung schaffen. Menschen kommen über das Gesehene miteinander ins Gespräch, diskutieren und lernen so weitere Perspektiven kennen. Solche Begegnungen stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und sind durch digitale Formate nicht zu ersetzen.
Maria-Rosa Berghahn: Digital können wir uns mit nahezu allem verbinden – aber Verbindung ist noch keine Begegnung. Ein Festival wie das BIFF schafft den besonderen Moment, in dem Menschen gemeinsam einen Film sehen, lachen, sich ärgern, diskutieren und vielleicht auch ihre Meinung ändern. Solche analogen Erfahrungen sind heute wertvoller denn je.
Anthony Bandmann: Digitale Streamingangebote und Mediatheken prägen heutzutage den Alltag der meisten Menschen. Dadurch ist der Zugang zur Filmkultur breiter als früher. Allerdings kann dieser auch sehr einseitig ausfallen, wenn man sich ausschließlich auf die größten Blockbuster und die erfolgreichsten Serien konzentriert. Solche Angebote ersetzen für mich nicht die persönliche Begegnung. Festivals wie das BIFF ermöglichen gemeinsames Erleben und den direkten Austausch zwischen Filmschaffenden, Fachpublikum und Zuschauerinnen und Zuschauern. Das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das ist gerade heute wichtig.
Falk-Martin Drescher: Welche Rolle spielt Kultur aus Ihrer Sicht für die Attraktivität eines Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts wie Braunschweig und Niedersachsen?
Anthony Bandmann: Ein attraktiver Standort braucht mehr als gute Arbeitsplätze, bezahlbaren Wohnraum, Naherholungsgebiete und eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur. Eine gute kulturelle Infrastruktur fördert ganz wesentlich die Lebensqualität und unterstützt die Identifikation mit einer Region. Ein vielfältiges Kulturangebot trägt dazu bei, Fachkräfte zu gewinnen, Talente zu halten und Braunschweig als weltoffenen Standort weiter zu prägen.
Maria-Rosa Berghahn: Eine Region wird nicht allein durch Arbeitsplätze, Infrastruktur oder Forschungseinrichtungen attraktiv. Menschen fragen
auch: Wie möchte ich hier leben? Kultur schafft Identität, Lebensqualität und Offenheit. Gerade ein Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort wie Braunschweig braucht Orte, an denen unterschiedliche Menschen und Ideen zusammenkommen. Kultur ist deshalb kein Standortfaktor am Rand, sondern Teil der Standortqualität. Beides gehört somit zusammen.
Falko Mohrs: Ein starker Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort braucht auch ein lebendiges kulturelles Umfeld. Fachkräfte, Forschende und Studierende entscheiden sich nicht nur wegen eines Arbeitsplatzes oder einer Hochschule für einen Ort. Sie schauen auch darauf, wie offen, vielfältig und lebenswert eine Region ist. Kultur trägt wesentlich zur Lebensqualität bei und macht unsere Städte und Regionen attraktiv, innovativ und zukunftsfähig.
Falk-Martin Drescher: Kulturförderung ist auch eine Form von gesellschaftlichem Engagement. Was kann beziehungsweise sollte die öffentliche Hand leisten – und welche Verantwortung haben Unternehmen, Stiftungen und private Förderer?
Anthony Bandmann: Entscheidend ist ein gemeinsames Engagement, bei dem die inhaltliche Unabhängigkeit der Kultur gewahrt bleibt. Die öffentliche Hand schafft verlässliche Rahmenbedingungen und ermöglicht damit kulturelle Vielfalt. Unternehmen und private Förderer ergänzen dieses Engagement durch langfristige Partnerschaften und eröffnen somit zusätzliche Angebote.
Maria-Rosa Berghahn: Die öffentliche Hand trägt eine besondere Verantwortung dafür, dass kulturelle Vielfalt und kulturelle Teilhabe nicht allein von wirtschaftlicher Verwertbarkeit abhängen. Zugleich kann Kultur nur dann dauerhaft vielfältig sein, wenn viele Verantwortung übernehmen. Unternehmen, Stiftungen und private Förderer können Freiräume eröffnen, Innovation ermöglichen und langfristige Partnerschaften schaffen. Entscheidend ist, dass wir Kultur nicht nur fördern, wenn sie bereits erfolgreich ist, sondern auch dort, wo Neues erst entstehen soll.
Falko Mohrs: Die öffentliche Hand hat die Aufgabe, die kulturelle Infrastruktur zu sichern und kulturelle Teilhabe für alle Menschen zu ermöglichen. Kultur darf nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Gleichzeitig stehen Land und Kommunen vor der Aufgabe, kulturelle Infrastruktur dauerhaft zu erhalten und den erheblichen Sanierungsbedarf vieler Einrichtungen zu bewältigen. Entsprechend wertvoll ist zivilgesellschaftliches Engagement. Unternehmen, Stiftungen und private Förderinnen
und Förderer unterstützen in ganz Niedersachsen zahlreiche Einrichtungen. Überall dort, wo öffentliche Förderung und gesellschaftliches Engagement zusammenkommen, entstehen häufig besonders starke und nachhaltige Projekte.
Falk-Martin Drescher: Das BIFF zeigt neben großen Produktionen auch viele Filme, die sonst vielleicht kein großes Publikum erreichen würden. Wie wichtig sind solche kulturellen Räume für neue Perspektiven und gesellschaftlichen Diskurs?
Falko Mohrs: Sie sind unverzichtbar. Festivals wie das BIFF geben Stimmen und Geschichten eine Bühne, die im Mainstream oft weniger sichtbar sind. Dadurch entstehen neue Impulse für gesellschaftliche Debatten und ein besseres Verständnis für die Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen.
Maria-Rosa Berghahn: Diese Räume sind sehr wichtig. Kultur muss nicht immer bestätigen, was wir ohnehin schon wissen. Gerade die unbekannteren Filme können Perspektiven sichtbar machen, die sonst wenig Raum bekommen. Das ist kulturell und demokratisch wertvoll. Ein gutes Festival gibt deshalb nicht nur Antworten, sondern erweitert unseren Horizont – manchmal ganz leise, manchmal mit großer Wucht.
Anthony Bandmann: Ich würde ebenfalls sagen: Solche kulturellen Räume sind unverzichtbar. Sie geben jungen Talenten mit ungewöhnlichen Perspektiven eine Bühne. Gerade diese Vielfalt erweitert unseren Blick und ermöglicht Diskussionen, die sonst weniger Aufmerksamkeit erhalten würden, auch zwischen den Generationen.
Falk-Martin Drescher: Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen: Welche Rolle sollte Kultur dann in Braunschweig und Niedersachsen spielen – und was müssen wir heute dafür tun?
Maria-Rosa Berghahn: Ich wünsche mir, dass Kultur in zehn Jahren nicht als etwas betrachtet wird, das man sich leisten kann, wenn alles andere gesichert ist. Sie gehört zur Grundausstattung einer offenen Gesellschaft und damit unserer Demokratie. Dafür müssen wir heute in Institutionen, in Künstlerinnen und Künstler, in kulturelle Bildung und vor allem in Freiräume investieren. Unser Anspruch sollte deshalb sein, der nächsten Generation eine ebenso vielfältige und lebendige Kulturlandschaft zu hinterlassen, wie wir sie selbst vorgefunden haben und im besten Falle vielleicht sogar eine noch vielfältigere. Und wir müssen den Mut behalten, auch das zu fördern, dessen Erfolg wir heute noch nicht kennen.
Anthony Bandmann: Kultur sollte auch in zehn Jahren eine zentrale Rolle für eine lebendige und offene Gesellschaft spielen. Dafür brauchen wir heute verlässliche Strukturen, kulturelle Bildung, geeignete Freiräume und den Mut, neue Formate zuzulassen. Vor allem müssen wir junge
Menschen frühzeitig erreichen und ihnen ermöglichen, Kultur zu erleben und selbst mitzugestalten.
Falko Mohrs: Ich wünsche mir, dass Kultur in zehn Jahren noch stärker als fester Teil unseres gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen wird. Dass sie in ganz Niedersachsen zugänglich, vielfältig und präsent ist. Dafür müssen wir heute die richtigen Weichen stellen, indem wir die heutigen Strukturen erhalten und den Menschen über niedrigschwellige Angebote den Wert der Kultur vermitteln. Kultur ist kein Nice-to-have. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Kreativität und demokratische Teilhabe.
