Peter Wentzler (Gründungsmitglied)
Clemens Williges (Mitglied seit 1995)
Kirsten Schult (Mitglied seit 2014)
Katrin Mosel (Mitglied seit 2023)
Morten Langmeier (Mitglied seit 2026)
Die Kuration unserer Reihe Ü40 ist abgeschlossen. Das Konzept war, anhand von fünf persönlichen Lieblingen aus fünf Jahrzehnten die Entwicklung des Filmfestes und des Filmfestvereins erfahrbar zu machen. Der besondere Kniff: Wir haben uns jeweils einen Film ausgesucht, der auf einer Ausgabe des Festivals lief, als wir Teil des Publikums waren und noch nicht Programmmitgestaltende. Für Dich als Gründungsmitglied gilt das natürlich nicht, Peter. Wie war das damals, als Du Dich mit 19 weiteren filmbegeisterten Menschen zusammenfandest, um für das Braunschweiger Publikum ein Filmfest zu gründen? Und warum hast Du BANKETT FÜR ACHILLES (1975), der auf dem 3. Filmfest lief, für unsere Reihe ausgesucht?
Peter: Robert Heinemann und ich haben bei der FilmKooperative Braunschweig mitgemacht. Ein Verein, der seit den 1970ern Filme gezeigt hat, die die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dokumentierten — als Forum der Gegenöffentlichkeit mit vielen Diskussionsveranstaltungen (Anti-AKW-Bewegung, GreenPeace, 3. Welt, NS-Zeit …). Dann 1985/86. Auch die FilmKoop wurde gefragt, ob wir bei dem Vorhaben, ein Filmfestival zu gründen, mitmachen wollten. Na klar. Ich glaube, Frank Oppermann und Harry Binder brachten die Idee auf. Filmstudenten von der HBK, Leute vom TU-Kino, Journalisten u.a. Film-Enthusiasten kamen dazu. Viele von uns kannten sich schon länger und mit Frank und den Kinos, die er leitete, war die Infrastruktur vorhanden. Das machte vieles leichter, und so konnten wir uns auf das Programm konzentrieren. Es gab viele unterschiedliche Interessen und Vorlieben der Beteiligten, aus denen das erste Festival-Programm entstand, ein Filmfest. Auch Robert und ich hatten unser spezielles Interesse — unsere Neugier nach den „wirklichen“ Lebensumständen für die Menschen in der DDR, möglichst nah am Alltag. Wir erhofften durch den Film, uns einen Einblick zu verschaffen. So entstand die Idee der DEFA-Werkschaureihe „Filme aus der DDR“. Eigentlich ganz naheliegend für eine Stadt in der unmittelbaren Grenznähe. Die Zeiten waren politisch zwischen Ost und West höchst angespannt. Gorbatschows „Glasnost“ verunsicherte die Regierung der DDR. Dann die Katastrophe von Tschernobyl — kurz, es knirschte im Getriebe der Welt. Mit unserem ersten Gast Lothar Warnecke kamen wir in direkten Kontakt und luden ihn nach Braunschweig ein. Zu unserer angenehmen Überraschung kam er zusammen mit seiner Frau Waltraut zum Festival. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung — unvergessen unsere Nächte im Café Kollontay. 1988 war der Regisseur Rainer Simon unser Gast. 1989 stellten wir den Regisseur Roland Gräf vor, von dem der Film BANKETT FÜR ACHILLES stammt.
In Begleitung seiner Frau Christel, einer angesehenen Dramaturgin, und Jutta Wachowiak, einer ebenso angesehenen Film- und Theaterschauspielerin, kam er nach Braunschweig. Diesmal unvergessen: Während unseres Festivals die Öffnung der Mauer, der Grenze bei Helmstedt, Braunschweig wird von Bürgern aus der DDR geradezu überrannt. Und auf dem Kohlmarkt prangte am Scala-Kino für sie gut sichtbar: „Filme aus der DDR — Werkschau Roland Gräf“. BANKETT FÜR
ACHILLES hat mich nachhaltig beeindruckt. Gedreht am authentischen Ort mit möglichst vielen Menschen aus den Werken in Bitterfeld und Wolfen. Erwin Geschonneck brilliert in der Rolle des knorrigen Achilles, der nicht wahrhaben kann, dass er in den Ruhestand versetzt wird. Und eigentlich will er es endlich schaffen, dass auf den Halden — den Abfällen seiner eigenen Arbeit! — wieder blaue Blumen blühen.
Clemens: 1990 lief die Reihe „Filme aus der DDR“ zum letzten Mal. Im Jahr darauf entdeckte ich das Filmfest für mich. Es hatte damals eine vollkommen andere Programmstruktur als heute. Beim Blick in den Katalog des 5. Filmfestes fällt sofort die Vielfalt an Werkschauen und thematischen Reihen ins Auge, während aktuelles deutsches und internationales Kino mit lediglich sechs bzw. zwölf Filmen einen wesentlich geringeren Anteil am Programm hatte als heute. Ich konzentrierte mich
auf „PreNoir“ und die „Night Specials“. Filme wie WACHTMEISTER STUDER (1939) oder BLUT FÜR DRACULA (1965) waren für mich neu, konnten aber an meine filmischen Vorerfahrungen andocken. Dann jedoch erlebte ich PHASE IV (1974) im Rahmen von „A Tribute to Saul Bass“. Ich war damals 20 Jahre jung und von den Bildern auf der Leinwand vollkommen überwältigt. Auf dieses Ereignis hatte mich das Fernsehen der 1980er nicht vorbereitet. 35 Jahre später ist die filmische Verbindung von Sci-Fi, Horror und visueller Kunst noch immer einzigartig.
Kirsten, Du bist vor zwölf Jahren in den Verein eingetreten. Als Besucherin bist Du mit dem Filmfest aber schon wesentlich länger verbunden. Wie fiel Deine Wahl auf SILENT LIGHT (2007) vom 22. Filmfest?
Kirsten: Als süchtige Dauerkarten-Filmfest-Besucherin war ich damals bereits seit vier Jahren regelmäßig dabei – und inzwischen nimmt das Filmfest seit 23 Jahren einen besonderen und beträchtlichen Raum in meinem Leben ein. SILENT LIGHT, der bei den Mennoniten in Mexiko spielt, hat mich nachhaltig beeindruckt: In der Anmoderation wurde gesagt, man könne beinahe meditativ in diesen Film eintauchen. Der sechs- bis achtminütige Sonnenaufgang zu Beginn ist grandios und zählt
für mich bis heute zu den eindrucksvollsten Filmsequenzen überhaupt. 18 Jahre später freue ich mich darauf, diesen modernen Klassiker des Weltkinos erneut auf der großen Leinwand mit unserem tollen Publikum zu erleben.
Katrin, Du bist zwar erst seit 2023 im Filmfestverein, aber auch Du besuchst das BIFF schon wesentlich länger. Ausgewählt hast Du den HEINRICH-Gewinner unserer zehn Jahre zurückliegenden 30. Ausgabe. Ist THE PARADISE SUITE (2015) heute noch relevanter als damals?
Katrin: Das Kino hat mich schon immer interessiert und ich habe versucht, so viele Filme als möglich beim BIFF zu sehen. Seit dem 32. BIFF hieß es für mich eine Woche Urlaub und mit Dauerkarte möglichst viele Filme aus den Reihen Hauptwettbewerb und Neues Internationales Kino zu sehen. THE PARADISE SUITE hat mir besonders gut gefallen. Ich hatte einen der letzten Plätze in der ersten Reihe ergattert und war von der Wucht des Films überwältigt. Es ist keine leichte Kost, die Schicksale der Protagonisten bewegen, dank des guten Schauspiels und der tollen Kamera, sehr. Die Themen sind leider, leider noch immer, oder aktuell sogar besonders relevant. Der Film ist aus 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise, als Geflüchtete willkommen geheißen wurden. Heute soll Fremdenfeindlichkeit quasi salonfähig gemacht werden, was mir Sorgen macht und mich beschämt. Filme wie THE PARADISE SUITE zeigen, dass Migration ein komplexes Thema und Verständnis für das Schicksal der Menschen notwendig ist.
Morten, Du bist vor kurzem in den Verein eingetreten. Was macht für Dich den besonderen Reiz von ZILLION (2022), der auf dem 37. BIFF lief, aus? Weckte er in Dir den Wunsch, an der Programmgestaltung mitzuwirken?
Morten: Die Filmfestivals nach der Coronapandemie besuchte ich mit einem Freund so intensiv, dass wir ausnahmslos jede Zeitschiene nutzten. Filmauswahl, Gäste und Flair begeisterten uns. Besonders Filme schauen zu können, die es nicht nach Deutschland, zumindest nicht in die Braunschweiger Kinos schafften, machte einen Reiz aus, der mich zum Mitwirken bewegte. Dass ich jetzt Filmperlen sichten und Favoriten präsentieren darf, ist natürlich der Hauptgewinn. ZILLION ist dafür ein exzellentes Beispiel. Der Film lief hier nirgends im Kino, selbst die DVD musste ich aus dem Ausland bestellen. Umso schöner, dass er nun wieder auf großer Leinwand läuft. Ich war zwei Stunden geflasht. ZILLION ist absurd und spannend. Mit einem verhältnismäßig geringen Budget werden dort großartige Szenen inszeniert, die mit Hollywood konkurrieren können und einmal mehr zeigen: Die kreative Idee bleibt der Souverän. Angesichts des Clubsterbens und des Verlusts soziokultureller Treffpunkte gewinnt der Film zudem eine besondere Aktualität.
Lasst uns mal fünf Lieblinge aus dem 40. BIFF sammeln.
Kirsten: In THE SEA begleiten wir den zwölfjährigen Khaled aus Palästina, der unbedingt endlich das Meer sehen möchte. Leider liegt das in Israel. Noch blöder: Bei einem Schulausflug wird ihm der Grenzübertritt verwehrt. Kurzentschlossen macht er sich illegal und zu Fuß auf den gefährlichen Weg. Menschlich – bewegend – absolut sehenswert. Und die Doku AMONGST THE BIRDS sollte man sich nicht entgehen lassen: Wir reisen an einen einsamen Fjord in Island und lernen 12.000 Eiderenten und fünf Erwachsene kennen. Beeindruckende Bilder, garniert mit einem wunderbaren trockenen nordischen Humor.
Morten: Im tollen THE ALTAR BOYS beschließen vier junge Ministranten, im Stile Robin Hoods die Kollekte ihrer Kirche gerechter zu verteilen. Sie handeln dabei jedoch nicht immer moralisch einwandfrei. Außerdem läuft die Musik-Doku HEX über die norwegische Black-Metal Band Witch Club Satan, die wie ZILLION eine echte Naturgewalt ist. Bühnenshows in dämonischen Kostümen und voller Kunstblut treffen auf eine unfassbare Herzlichkeit vor dem Hintergrund von Feminismus und weiblicher Wut.
Katrin: Passend zum Thema von THE PARADISE SUITE empfehle ich besonders A LOOSE END, in dem ein argentinischer Polizist vor seinen korrupten Kollegen nach Uruguay flieht. Mit Freundlichkeit und Cleverness versucht er, sich ein neues Leben aufzubauen. Er trifft in teils skurrilen Situationen auf Menschen, die ihm eine Chance geben. Mit Menschlichkeit, Freundlichkeit und Humor ist Vieles möglich.
